Vreni liest

Rezension „Infernale“ von Sophie Jordan

Vor allem wegen des zeitgemäßen Themas und des guten Schreibstils auf jeden Fall lesenswert!

Inhalt
Infernale von Sophie Jordan ist der erste Band eines Zweiteilers. Dabei geht es um ein Mädchen, das alles hat: Familie, Freunde, den begehrtesten Jungen der Schule zum Freund und ein wahnsinniges musikalisches Talent mit einer vielversprechenden Zukunft. Das alles wird ihr genommen, als bei ihr das HTS- oder Mörder-Gen festgestellt wird. Ihr komplettes Leben wird auf den Kopf gestellt. Sie muss nicht nur die Schule verlassen, sondern wird von allen Freunden inklusive ihrem festen Freund im Stich gelassen. Von heute auf morgen muss sie sich nun in einer neuen Schule, ohne Zukunftsperspektive und von der Gesellschaft geächtet zurechtfinden, bis sie schließlich sogar von ihren ehemaligen Freunden verraten wird. Abgestempelt als „HTS-Trägerin“, von der nur erwartet wird, dass sie früher oder später straffällig wird, findet sie genau unter ihresgleichen Freundschaft, Zuwendung und Halt. Und natürlich die Liebe.

Cover / Klappentext
Das Cover trifft nicht wirklich meinen Geschmack. Der herabhängende Kopf und das „H“, das von Weitem den Anschein einer Naht erweckt, lassen eher einen Horrorthriller vermuten. Allerdings treffen sowohl bei näherem Hinsehen das Bild, als auch der Klappentext ziemlich genau das Thema. Es steckt drin, was man erwartet. Daher vergebe ich dafür zumindest ein halbes Eselsohr ☺️


Plot
Der Einstieg in Infernale ist mit ehrlich gesagt eher schwer gefallen. Auf dem Klappentext erfährt man, dass Davy das HTS-Gen trägt. Trotzdem fragt sie sich auf gefühlt endlosen Seiten, warum ihr Vater und zwei Fremde um die Mittagszeit zu Hause auf sie warten und warum alle so schockiert dreinschauen und sie so seltsam behandeln. Man möchte am liebsten brüllen „meine Güte, wir wissen doch alle, was los ist. Nun mach mal hinne.“ Allerdings war das tatsächlich schon auf Seite 28 und dennoch hat es sich für mich so gezogen.

Dann aber passiert alles Schlag auf Schlag. Von einem auf den anderen Tag verändert sich alles. Der Fall vom gefeierten Wunderkind zur verstoßenen, potentiellen Mörderin wird sehr gut und brutal dargestellt. Ebenso die Verzweiflung der Eltern und deren Unsicherheit, damit umzugehen ist sehr verständlich. Auf der einen Seite die Liebe für ihre Tochter und auf der anderen die Angst. Angst vor den Konsequenzen, vor der Zukunft und davor, was mit ihrer Tochter passieren wird. Aber auch irgendwie die Enttäuschung, weil sie doch so perfekt war. Die beklemmende Situation insgesamt ist fast greifbar. Die Reaktion der Freunde hingegen ist für mich eher unpassend beschrieben. Dass sich sämtliche Freunde von ihr abwenden und so überhaupt nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, würde gänzlich oberflächliche Menschen voraussetzen. Von einem itelligenten Mädchen wie Davy kann man jedoch einen stabilere Freundeskreis erwarten. Zumindest aber, dass sie sich nicht vollkommen mit engstirnigen Idioten umgeben hat. Vor allem die extreme Reaktion ihrer besten Freundin, die vollkommen von Hass geleitet ist, scheint mir doch arg überzogen. Was Davy jedoch gesellschaftlich insgesamt erfährt, finde ich wiederum extrem realistisch dargestellt. Ich glaube, dass das in unserer Gesellschaft sehr wohl möglich wäre. Schockierend! Man denke doch nur mal an den Umgang mit der Flüchtlingsproblematik. Lieber 1000 Unschuldige sterben lassen als das Risiko einzugehen, einen potentiellen Vergewaltiger reinzulassen. Ich möchte hier natürlich keine politische Diskussion anzetteln, aber die Angst macht so manchen zum Arschloch. Wenn nun auch noch wie im Buch eine gesetzliche Grundlage dazukommt – na dann Danke! Ich finde die Ausgrenzung und Zusammenferchung der Aussätzigen, die vollkommen ungerechte, ungleiche Behandlung derer und das Aufzeigen, dass es dazu nur einer kleinen Blutprobe bedarf, ist schockierend und realistisch beschrieben. Noch viel besser hat mir aber die Darstellung der Konsequenzen gefallen. Dass die meisten letztendlich nur zu dem gemacht werden, wovor die Gesellschaft so große Angst hat – das ist beängstigend und regt zum Nachdenken an.

Die Spannung bleibt durchgehend erhalten. Sobald es aussieht, als ob Davy sich mit der Situation arrangieren kann oder es halabwegs aufwärts geht, kommt ein neues Problem dazu, wird es schlimmer. Das hält die Geschichte am Laufen und sorgt für Abwechslung und Mitfiebern. Zudem lässt sich nicht vorhersehen, was als jeweils nächstes passiert. Abgesehen von der Liebesgeschichte natürlich 😉 Die brauchen wir natürlich schon, wobei sie sich dezent im Hintergrund hält. Kein elendes Gesülze oder Rumschnulzen – sie ist wirklich gut integriert. Natürlich ist vom ersten Moment an klar, wer da zu wem findet, aber das stört nicht wirklich.

Auch den Schluss finde ich sehr gut gelungen. Zum einen hinterlässt Infernale eine positive Stimmung, da das Buch mit der Hoffnung auf Hilfe und dem Zusammenhalt der neu gefunden Freunde endet. Zum anderen ist das Ende jedoch so offen gewählt, dass es selbstverständlich zum Weiterlesen anregt.

Für den Plot insgesamt, vor allem wegen des sehr gut umgesetzten Themas gibt es von mir eineinhalb Eselsohren.


Schreibstil
Infernale lässt sich sehr gut und einfach „runterlesen“. Dabei meine ich „einfach“ nicht im Sinne von banal. Der Schreibstil ist genau nach meinem Geschmack. Es wird dabei nichts zu sehr ausgeschmückt oder verkompliziert nur um literarisch anspruchsvoll zu wirken. Dennoch verwendet die Autorin ungewöhnliche Formulierungen wie „Scham schlägt ihre Fänge in mich“ (S. 355), statt einfach nur „ich schäme ich“ zu sagen, was dem Text das gewisse Etwas verleiht. Zum sind mir keine nervenden Endlos-Schachtelsätze in Erinnerung geblieben.

Was mich stört sind diese unnötigen Einschübe von Textfetzen aus Pressemitteilungen, FBI-Infomrationen, Anordnungen des Justizministeriums, Mitschriften eines Notrufs usw. … Die stören den Lesefluss und liefern keine wirklich wichtigen Hinweise. Alle wichtigen Fakten hätten genauso gut in die Geschichte integriert werden können. Dennoch vergebe ich ein Eselsohr für den überaus gelungenen Schreibstil.

Zeichnung der Figuren
Die Protagonisten
Mmh… So richtig ans Herz wachsen mag mir Davy nicht. Zunächst hat sie ja alles, was man sich wünschen kann. Aber das ist mir einfach zu perfekt. Dieses naive Prinzesschen, dem alles zugeflogen kommt und was ihr nicht in die Wiege gelegt wurde, bekommt sie halt von den Eltern. Nie aufmüpfig, nie arrogant, immer unschuldig: Das wirkt nicht sehr sympathisch. Wie sie dann im späteren Verlauf mit der Situation umgeht, ist nicht wirklich besser. Ich mag starke Frauen. Und keine Frage: starke Frauen dürfen auch mal schwach sein und natürlich auch mal Schwäche zeigen. Aber dieses Rumgejammere und totale Aufgehen in der Opferrolle ist mir zu viel. Ständig hockt sie nur irgendwo in der Ecke, und würde sich am liebsten verkriechen. Sie redet nichts, nimmt nichts selbst in die Hand. Alles ist auf einmal so schwer und so gemein. Alles müssen die anderen für sie regeln und ständig muss sie beschützt werden. Keine Frage – ich stehe auf Helden. Aber wäre Seth ein richtiger Held, würde er sich wohl kaum in so einen Waschlappen verlieben. Ich identifizierte mich gerne mit der Hauptfigur. Und ich mag ja auch ganz gerne mal vor mich hinleiden, aber als Jammerlappen sehe ich mich dann doch nicht gerne. Selbstverstandlich ist grausam, was ihr zustößt. Aber bei ihrer Figur fehlt mir der Mut und der Trotz. Etwas mehr von einer „jetzt erst recht“ – Einstellung hätte ihr sehr gut gestanden.

Seth hingegen gefällt mir schon besser. Wer steht nicht auf den Bad Boy, der einen rettet ? Allerdings finde ich ihn etwas überzogen dargestellt. Denn ein Bad Boy muss ja auch irgendwie was Böses tun, nicht wahr!? Tut er aber nicht. Alle haben Angst vor ihm – sogar die ganz bösen Buben. Dennoch macht er nie irgendetwas, das erklären könnte, warum das so ist. Er ist oft mies gelaunt, grummelt vor sich hin, aber letztendlich legt er sich mit den Fiesen an und setzt sich für die Schwachen ein. Da ist etwas widersprüchlich. Nichtsdestotrotz hab ich mich natürlich verknallt 🙂 Er ist schon toll.

Nebenfiguren
Die Nenenfiguren finde ich allesamt sehr gut gezeichnet. Sie lassen sich klar voneinander abgrenzen und sind gut durchdacht. Da wären zunächst aus ihrem alten Freundeskreis ihre beste Freundin, die sie von Hass geblendet verrät und den Eindruck vermittelt, dass sie vollkommen neidisch nur darauf gewartet hat, etwas Schlechtes an Davy zu entdecken. Eine völlig blöde Kuh, die man sofort hasst. Ebenso ihr Freund, der so gar keine Eier in der Hose hat, um zu ihr zu stehen. Dann erwartet er auch noch total dreist, dass sie endlich mit ihm schläft, da sie ja so kaputt eh niemand anders mehr will. Ekelhaft. Und wirklich gut dargestellt.

Die Menschen, auf die sie in ihrem neuen Leben stößt, gefallen mir genauso gut. Ganz besonders mag ich den widerlichen Lehrer, den man sich richtig gut bildlich vorstellen kann. Igitt!

Zusammengefasst kann ich also nur ein halbes Öhrchen vergeben, da mich Davy einfach zu sehr angenervt hat.


Fazit
Ich kann euch das Buch auf jeden Fall empfehlen. Vor allem das Thema finde ich sehr zeitgemäß und interessant. Es fesselt und schockiert zugleich. Infernale lässt sich super lesen und auch die Liebe kommt nicht zu kurz ohne kitschig zu werden. Insgesamt liege ich bei dreieinhalb von fünf Eselsohren.

INFERNALE | Sophie Jordan | Loewe | 978-3785588710 | 384 Seiten | Taschenbuch | 9.95 EUR | 12. März 2018

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