... über Abnehmwahn und Leistungsdruck · Vreni schreibt

Osterhase schlägt Apfel

Pfff … Scheiß auf das Apfelbäumchen! Ich will Schokolade!

1995
Da sitzt sie und lacht mich an: Die lila Versuchung von einem Hasen. Und ich darf ihn nicht essen. Ich würde so gern, aber mein Hintern ist halt immer noch der dickste in meiner Mannschaft. Und das kostet Punkte. Es ist als würde er mich auslachen. Als wisse er, dass ich ihm auf keinen Fall in den fetten Arsch beißen darf. Ich atme durch, ziehe mich aus und stelle mich auf die Waage, starre dabei immer wieder auf das lila Monster. Wie fies eigentlich, dass wir davon zurzeit gefühlte fünfzig Stück im Haus haben. Seit vielen Jahren verzichte ich auf ein Osternest, um erst gar nicht in Versuchung zu kommen. Aber ein Hase muss sein – ist doch schließlich Tradition. Und weil es Tradition ist, schenkt jeder auch noch jedem so ein beschissenes Teil, die ich dann allesamt so schnell wie möglich wegschaffe, damit ich auch ja nicht diese blöden Ohren abbeiße. Kennt ihr bestimmt… Die Ohren und der Boden sind nämlich besonders gut. Da sitzt so eine richtig fette Schokomasse. Nun ja. Einen davon habe ich einfach entführt. Wenn es keiner mitbekommt, ist es vielleicht nicht so schlimm. Daher steht er nun leider bei mir im Bad auf dem Waschbeckenrand und grinst mich gemein an. Ich schaue nach unten und die Ziffern auf der Waage zeigen wie immer nicht das gewünschte Ergebnis. Wenn ich es mir so recht überlege, scheint auch dieses doofe Ding sich jeden Tag aufs Neue über mich lustig zu machen. Also ziehe ich mich wieder an und bin kurz davor das Bad zu verlassen, als mich die Sucht doch überkommt. Wenigstens einmal rein beißen, nur ein klitzekleines Stück lutschen und wieder ausspucken. Das kann sich ja wohl nicht direkt auf meinen Hüften bemerkbar machen.

Hahahaha.
Leider gehöre ich, wie wahrscheinlich viele von euch, zu den Leuten, die nur ein Gummibärchen anschauen müssen und es sitzt sofort auf dem „Muffin Top“ über der Jeans. Das nur am Rande. Denn gerade bin ich dabei, mir immer weiter einzureden, dass ich nur lutsche und ausspucke und es somit keinerlei Konsequenz für mich haben wird. Also reiße ich das wunderbar knisternde Papier in freudiger Erwartung auf und beiße zu. Selbstverständlich spucke ich die Schokolade nicht wieder aus. Dieses Experiment habe ich bereits hinter mir. Eine Freundin riet mir dazu und ich habe es natürlich sofort ausprobiert. „Das ist, als ob du die Schoki essen würdest. Deine Lust ist gestillt und du kannst kein Gramm zunehmen.“ Oh ja! Und am liebsten möchte ich sie dir ins Gesicht spucken. Da kann man mich echt gleich in den Tartarus werfen. Das sind doch Tantalusqualen. Und noch schlimmer! Der hatte wenigstens nicht den Geschmack des Apfels schon im Mund und musste ihn dann wieder hergeben. Es ist total bescheuert und befriedigt in keinem Moment die Lust auf eine Süßigkeit. Echt jetzt!? Also lutsche ich zunächst genüsslich, lasse die Schokolade auf der Zunge zergehen und schlucke dann ganz trotzig hinunter. Es ist eine Geschmacksexplosion. Klar, wenn man so danach giert 😉 Der Osterhase schlägt eben den Apfel in allen Belangen: im Geschmack, im Sättigungsgefühl, in der Kalorienzahl und vor allem im „Sich-danach-schlecht-fühlen“. So ist das eben, wenn man verzichten muss. So geht es mir bei fast allen Lebensmitteln. Denn alles außer Obst und Gemüse ist eigentlich verboten. So kommt es, dass ich so gut wie alles liebe und Obst verabscheue. Besonders Äpfel. Die sind nämlich wirklich furchtbar gemein. Auch Tell wusste schon, dass man einen Apfel eher vom Kopf schießen sollte als ihn zu verspeisen. Jeden Abend soll ich einen davon essen, weil er angeblich gut sättigt und den Magen füllt. Bei mir hinterlässt er allerdings eher ein Loch mindestens so groß wie ein Apfel, das unbedingt gefüllt werden will. So habe ich nach jedem dämlichen „Gala Royal“ noch mehr Hunger und noch mehr Appetit. Ätzend!

130 Gramm sind nicht 130 Gramm
Nun habe ich aber ja mal was Leckeres gegessen. Sofort vom schlechten Gewissen gepackt ziehe ich mich erneut aus, stelle mich auf die immer noch hämisch grinsende Waage und siehe da: Es hat sich nichts getan! Ich kleide mich wieder an, und esse den kompletten Hasen. Immer wieder beiße ich rein, lutsche und schlucke bis ich bei den Füßen angekommen bin. Dann stecke ich mir auch die in den Mund und bin schon kurz vor’m Durchdrehen, weil ich begreife, was ich gerade getan habe. Ich starre auf das leere Papier. 130 Gramm wiegt also so ein durchschnittlicher Schmunzelhase. Oh nein. Scheiße! Scheiße, Scheiße, Scheiße … Ich habe gerade einen kompletten Schokohasen gefuttert. Also ziehe ich mich wieder aus und stelle mich ein weiteres Mal auf die Waage, ob sie auch wirklich nur 130 Gramm mehr anzeigt. Leute … Ich bin durchschnittlich intelligent, nicht auf den Kopf gefallen sozusagen und ich stehe hier und schaue ernsthaft, ob ich von einem 130 Gramm schweren Stück Schokolade – zugegeben es ist ein sehr großes Stück – auch wirklich nur 130 Gramm mehr wiege. Selbstverständlich weiß ich, dass das Prinzip so nicht funktioniert, aber irgendwie muss ich mir ja gut zureden. Schließlich muss ich gleich ins Training, dort werde ich gewogen und jetzt habe ich einen Hasen verputzt, der offensichtlich nichts gewogen hat. Denn die Waage ist stehengeblieben und zeigt weiterhin die viel zu hohe Kiloanzahl – wenn auch nicht um 130 Gramm mehr als vor dem Unglück.

Toi Toi Toi
Auch wenn ich immer wieder solch tolle Momente geistiger Umnachtung habe, weiß ich doch, dass die Schokolade wieder raus muss, wenn ich ihr nicht nächste Woche auf meinen Oberschenkeln wieder begegnen will. Also knie ich mich vor die Toilette, klapp den Deckel auf, umarme meinen alten Freund die Kloschüssel und stecke mir den Finger in den Hals. Ich würge und würge, aber es kommt einfach nix heraus. Mag sein, dass es daran liegt, dass sich nur 130 Gramm in meinem Magen befinden. Mag aber auch sein, dass der Ekel einfach zu groß ist. Das Gefühl des Kotzens ist einfach so schlimm, dass ich es nicht schaffe, den Finger noch tiefer zu schieben oder noch kräftiger zu würgen. Ich versuche es trotzdem immer weiter. Tränen laufen mir die Wange hinab. Ich weine. Ich weine um den Hasen, um die Kilos, die mit ihm einhergehen, um das Gewicht, das ich gleich unter dem strengen Blick der Trainerin haben werde. Und ich weine um meine Selbstachtung und Würde. Ich schaffe es nicht. Ich bin 14 Jahre alt, kämpfe sehr hart für meine Ziele, gehe jeden Tag über meine Grenzen, lerne nachts, um tagsüber zu trainieren, dehne mich unter Tränen, um immer beweglicher zu werden, habe so viele Erfolge zu verbuchen – sogar einen Deutsche Meister-Titel und eine EM-Teilnahme, mache und tue … Aber zu kotzen – das schaffe ich einfach nicht. Meine Mutter macht sich oft Sorgen, ich könne zu wenig essen oder ich würde es gleich danach wieder loswerden. Es wurde sogar schon behauptet, ich sei bulimisch. Nun … Diesen Leuten kann ich getrost sagen Nein. Ich bin nicht bulimisch, denn ich schaffe nicht einmal das. Weder kann ich auf Essen verzichten, noch kann ich es wieder auskotzen. Ich bin zu schwach dafür! Erbärmlich eigentlich. Und das macht mich so wütend. Wütend auf mich und die ganze Welt. Ich hasse Ostern und Milka, ich hasse meine Trainerin und die Waage und am meisten hasse ich mich. Und wenn ich noch jemanden mehr hassen könnte, dann wären es diejenigen, die an Ostern ein Nest und einen Schmunzelhasen bekommen und die das Ganze dann auch noch tatsächlich einfach essen.

Martin Luther soll einst gesagt haben „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.* Was Ähnliches hat mir auch eine Freundin in mein Hausaufgabenbuch geschrieben. Also dass sie mir so eins pflanzen würde. Pffff… Hör mir auf! Was soll ich denn damit? Würde morgen die Welt untergehen, würde ich mir heute eine Palette Schokohasen kaufen und sie essen. Komplett. Punkt.

Heute
vergeht kein Osterfest, an dem ich nicht an diesen einen Hasen denke. Überhaupt denke ich sehr oft daran, dass alles, was man zu sich nimmt, unwiderruflich gegessen wurde. Jede Kalorie, die ich zu mir nehme, würde sich nicht in meinem Gewicht widerspiegeln, hätte ich sie einfach nie gegessen. Hätte ich also dieses Schmunzelmonster nicht gegessen, hätte ich genau heute möglicherweise einen halbes Gramm weniger auf den Hüften. Und das gilt für jede noch so erdenkliche Mahlzeit. Eigentlich ist es schrecklich, denn hat man einmal damit angefangen, kommt man da einfach nicht mehr raus. Genauer betrachtet nimmt man sich mit diesen Gedanken natürlich jeden Genuss am Essen und ein großes Stück Lebensqualität. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache an sich. Hin und wieder gelingt es mir, diese Sichtweise zu verdrängen und meinen Milka-Hasen oder Schokonikolaus oder was auch immer fast ganz ohne schlechtes Gewissen zu essen. Und manchmal traue ich mich sogar, es ein klitzekleines Bisschen zu genießen. Äpfel hingegen hasse ich immer noch wie die Pest.

*Quelle: https://www.luther2017.de/de/martin-luther/geschichte-geschichten/luther-und-das-apfelbaeumchen/index.html

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