... über Abnehmwahn und Leistungsdruck · Vreni schreibt

Jeder kriegt sein Fett – mehr oder weniger ab

Diesmal haben wir gewonnen und heute Abend gibt’s ne fette Party. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn wir haben jede Menge fettiger Chips.

1995/96
Es ist Freitag und wir sind gerade in der Sportschule angekommen. Ab und an verbringen wir dort drei Tage, um das ganze Wochenende zu trainieren. Wir mögen das. Wir sind alle zusammen und haben auch abends immer mal Spaß zusammen. Wie das halt als Teenie so ist. Schleichen uns aus den Zimmern, um uns in einem zu treffen und … na? Was glaubt ihr? Genau: um zu futtern. Selbstverständlich quatschen, stippeln und gickeln wir auch. Aber das Essen steht schon deutlich im Vordergrund. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist das, was man hier vorgesetzt bekommt, wirklich grottenschlecht. Ehrlich: Wer einmal an der Sportschule gegessen hat, ist vom Essen geheilt. Klar hat das auch seine gute Seite. Denn so fällt es uns nicht schwer, nicht viel zu essen. Aber natürlich haben wir abends entsprechend Kohldampf. Zum anderen ist da dieser besondere Nervenkitzel. Wie ihr euch vorstellen könnt, dürfen wir natürlich nicht zwischendurch essen und schon gar nicht das, was sich in unseren Taschen versteckt.

Die Tasche und auch alle möglichen anderen Verstecke für die geheimen Köstlichkeiten haben wir natürlich alle schon durch. Sowohl zwischen der Unterwäsche als auch unter den Matratzen, im Schrank, in der Dusche, unter den Betten oder auf den Schränken sind unsere Schätze nicht sicher. Wurde alles schon gefunden und konfisziert. Wir stellen uns manchmal vor, ob unsere Trainer gemeinsam abends zusammensitzen, sich ins Fäustchen lachen und unsere Heiligtümer essen. Aber wahrscheinlich sind sie dazu zu diszipliniert. Wahrscheinlich wandert alles einfach direkt in die Tonne. Oh Gott … da darf ich gar nicht dran denken.

Das Entscheidende ist die Taktik
Nun, um dem Ganzen zu entgehen und unser Überlebensvorrat zu retten, haben wir eine neue Methode entwickelt. Wie so oft haben wir uns mit den „Großen“ zusammengetan und arbeiten nun schon zum wiederholten Male nach dem gleichen Prinzip. Wir sind in zwei Etagen untergebracht. Ich bin mit Steffi* im Zimmer und warte auf ein Zeichen. Die „Großen“ sollen uns Bescheid geben, wo die Trainer beginnen, die Taschen auf Süßigkeiten oder Sonstiges zu untersuchen. Man könnte meinen, sie würden ab und an mal die Taktik ändern oder sie würden umgekehrt, also bei uns beginnen statt bei der älteren Mannschaft. Nö! Also unser festes Trainerteam ist wirklich nur schwer zu überlisten. Schaffen wir eigentlich nie. Aber an der Sportschule sind eben nicht immer nur unsere Trainer. Meist sind dort viel mehr Personen, und vor allem die Hilfsarbeiten wie die Inspektion der Zimmer übernimmt meist wer anders. Und nun was soll ich sagen? Nicht jede Kerze brennt besonders hell.

Sie starten unten, so dass wir alles, was wir tragen können nach oben schaffen und in unserem Zimmer lagern. Wir hören wie unten die Durchsuchung startet. Hören wie die anderen so tun, als verstecken sie irgendetwas. Ab und an lassen wir sie eine Tafel Schokolade finden. Irgendetwas Entbehrliches, damit sie Erfolg haben und wir glaubwürdiger erscheinen. Und dann hören wir sie auf der Treppe nach oben kommen. Jetzt muss es schnell gehen. Wir sammeln alles ein, rennen auf den Balkon und werfen alles zu den anderen nach unten. Das Gleiche wiederholen wir, denn schließlich haben wir ja die Vorräte der Mädels im unteren Stockwerk auch noch. Danach versteckt sich Steffi im Bad. Sie sperrt ab, um so zu tun, als sei das unser ausgeklügeltes Versteck. Ich versuche mein Lachen zu unterdrücken, wieder zu Atem zu kommen und möglichst unauffällig auf dem Bett rumzulümmeln. Dann schaue ich ganz geschockt, als Christina* reinkommt und mich auffordert, das Essen rauszurücken. Sie durchsucht die Taschen, schaut unter die Matratzen, unter’s Bett, auf und in die Schränke usw. … Ich sage ja: Kerze und so. Danach möchte sie die Tür zum Bad öffnen, was natürlich nicht geht. Steffi macht so, als wolle sie nicht aufmachen und ich verhalte mich ebenfalls, als möge ich das nicht. Irgendwann öffnet meine Kollegin die Tür und es werden auch Dusche, Kulturbeutel und Steffi selbst untersucht.

Diesmal haben wir keinen Pseudoriegel versteckt. Es soll ja nicht zu auffällig sein. Außerdem haben wir nicht genug, um noch etwas zu opfern. Es hat alles seine Grenzen. Skeptisch und beleidigt zieht Christina ab. Wir strahlen uns an. Diesmal haben wir gewonnen und heute Abend gibt’s ne fette Party. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn wir haben jede Menge fettiger Chips. Eine leise Feier natürlich. Nicht, dass jemand den Braten bzw. die Chips riecht 😉

Heute
Oh wie ich Chips liebe. In allen Variationen. Auch die total abgespaceden mit Currywurst-, BiFi- oder Pommes rot/weiß-Geschmack. Geil! Die sind echt genau mein Ding. Jeden Abend könnte ich so eine Tüte verdrücken. Und nicht nur die. Natürlich muss nach so ner Portion Salzigem, eine ordentliche Portion Süßkram her. Und hab ich dann die Schoki im Mund, bekomme ich irgendwie Lust auf was Herzhaftes. Ein Teufelskreis, den höchstens Übelkeit durchbrechen kann. Ich nehme an, das Hamstern verdanke ich solchen Sportschulaktionen. Ich erinnere mich auch daran, dass ab und an eine Mannschaftskollegin bei mir geschlafen hat, wenn wir sonntags trainiert haben. Das Allerwichtigste für uns war dabei, dass wir was zum Schnäken bekommen haben. Und zwar immer das Gleiche: eine kleine Tüte Zwiebelringe und eine Stange Giotto. Für jeden! Wie habe ich das geliebt. Sobald wir sie in die Finger bekamen, stopften wir sie zwischen die Kiemen. Von Genuss kann keine Rede sein. Wobei geschmeckt hat das alles natürlich mega lecker. Aber genossen? Heute wie damals gab es kein Maß. Alles oder nichts. Ich habe es sehr oft geschafft das nichts zu wählen, aber wenn ich losgelegt habe, habe ich erst aufgehört, wenn alles leer oder mir schlecht war. Hier habe ich vor Kurzem einen super Beitrag von Bloggerin Jana Crämer gelesen. Dabei geht es darum, dass man ruhig darf, aber eben in Maßen. Ich schätze, das muss ich noch lernen 😉

Es ist schon besser geworden. Und ich denke, auf der Couch liegen und nicht aufhören können zu futtern, kennen ja wahrscheinlich die meisten irgendwie. Aber der Genuss ist so eine Sache, die ich noch suche und die ich gerne wiederfinden oder überhaupt mal finden möchte. Wenn wir eingeladen sind oder ich weiß, dass wir abends ordentlich kochen, esse ich nichts. Und damit meine ich gar nichts. Vom Abend vorher bis zum Essen gibt es nur einen Kaffee. Nur dann schaffe ich es zu schlemmen und es zu genießen. Dafür aber mit Nachtisch. Außerdem belohne ich mich immer noch mit Essen – wenn mal was Schwieriges oder Stressiges ansteht, aber auch für’s Nix-Essen. Skurril! Das jedenfalls mag ich überhaupt nicht. Das würde ich mir gerne abgewöhnen. Ich weiß nur noch nicht wie, aber vielleicht hat ja jemand einen Tipp für mich. Dann her damit 🙂

Und weil vor Kurzem, nämlich am 6. Mai, Internationaler Anti-Diät-Tag war, möchte ich noch sagen: jede Diät ist scheiße. Es gibt keine Diät ohne Verzicht und keinen Verzicht ohne Folgen. Zumindest bei mir nicht und ich bin überzeugt, dass es viel zu vielen Mädchen und Frauen so geht. Alles was Jana hier beschreibt, habe ich schon erlebt. Und sicher nicht nur ich!

*Alle Namen wurden wie immer geändert.

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