... über das Leben mit vier Männern · Vreni schreibt

Hilfe! Kinder machen Dreck

„Und am Ende des Tages sollen deine Füße dreckig, deine Haare zerzaust und deine Augen leuchtend sein.“

An manchen Tagen stehe ich auf und weiß schon … nä! Das wird heute nix. Ich bin eigentlich schon genervt, obwohl es noch keinen Grund gibt. Den erwarte ich aber schon. Man kann sagen, vom zukünftigen Genervt-sein bin ich als schon angenervt. Ich erinnere mich noch genau an so einen Tag. Kennt ihr bestimmt auch. Ich saß am Tisch, der gerade doch noch sauber war. Jetzt zierte ihn ein riesengroßer blauer Klecks Wasserfarbe. Und eben war der Boden doch frisch gewischt, aber da lagen überall – und ich meine überall – Krümel. Und dieser Matschfleck in der Waschküche!? Wo kam der denn jetzt wieder her?? Mein Blick wanderte nach oben. In der Hintertür standen Henri und Mati – zumindest schätzte ich das. So ganz sicher konnte ich mir nicht sein, denn statt ihrer Gesichter sah ich nur Schlamm. Und nicht nur ihre Gesichter waren beschmiert. Nein … Sie machten sozusagen dem Matschanzug alle Ehre, wenn sie denn einen getragen hätten.

Erziehungsratgeber: besonders geeignet als Kaminanzünder
Im ersten Moment wäre ich am liebsten „aus der Bux gesprung“. Vor einer Minute dachte ich noch, für heute sei alles erledigt und ich wollte entspannt einen Kaffee trinken und jetzt konnte ich von vorne anfangen. Der Drang laut „Scheiße“ zu brüllen war so groß, dass ich ihn kaum unterdrücken konnte. Stattdessen aber besann ich mich auf einen Artikel eines Erziehungsratgebers, den ich vor Kurzem gelesen hatte. Ich atmete also tief durch und versuchte die Sicht meiner Kinder zu verstehen und das Positive rauszuziehen. Ja, sie haben gemeinsam ein riesiges Loch gegraben. Ohne sich zu erschlagen. Teamarbeit! Im frisch gemachten Beet (durchatmen). Und sie haben altes Regenwasser reingeschüttet und haben gelernt, dass man darin untergeht wie in einem kleinen Sumpf. Mit den neuen 90-Euro-Schuhen, von denen mindestens einer noch drinsteckte (durchatmen). Ich konnte es nicht so ganz erkennen. Die Füße konnte man kaum mehr sehen. „Schön“, meinte ich. „Aber jetzt ab unter die Dusche.“ „Nein“, meinte einer der beiden. „Wir haben mit dem Schlamm die Hauswand gestrichen, brauchen jetzt aber das Leiterchen. Wir sind zu klein, um oben dranzukommen.“

Ich hätte gerne gewusst, ob ein Erziehungsratgeber selbst Kinder hat. Und ich hätte gerne gewusst, ob dieser sein ganzes Erspartes, das er mit seinem Buch verdient hat, für eine neue Fassade ausgegeben hat. Und was mich in diesem Moment am meisten interessierte war, wo ich einen Kurs für Aggressionsbewältigung finden könnte. Denn das Wegatmen fiel mir zunehmend schwerer. Ich wollte jetzt wirklich sehr gerne gegen einen Sandsack schlagen. „Okay … Hilft ja alles nix“, dachte ich mir, suchte kurz mit dem Gartenschlauch meine Kinder unter dem Matsch und für alle – mich eingeschlossen – alte Kleider sowie Schuhe für in den Sand. Dann fuhren wir auf den Spielplatz. Frische Luft schadet ja bekanntlich nie. Auch ich erhoffte mir etwas bessere Nerven davon.

Oh mein Gott, im Sandkasten ist Sand!
Dort angekommen, haben sich dann auch beide so richtig im Sand ausgelassen. Es gab eine kleine Wasserstelle und zack wurde gebacken, gebaut und gepatscht. Henri hat irgendwann mit einem Kind gespielt, das bei ihm im Sand saß. Ich war etwas irritiert, denn so richtig konnte man das Ganze eigentlich gar nicht „spielen“ nennen. Der Kleine versuchte vielmehr, irgendwie Sand ins Förmchen zu bekommen, ohne sich dabei dreckig zu machen. Ich habe so etwas Skurriles tatsächlich noch nie gesehen. Währenddessen scharwenzelte ein älterer Herr um die 50 um ihn herum, um ihm zu helfen. Aber auch er versuchte, dabei seine weiße! Hose bloß nicht zu beschmutzen. Von Weitem hat die nicht viel jüngere, ebenfalls weiß gekleidete Frau, irgendwelche Anweisungen gerufen. Wie ich später erfahren sollte, waren das die Eltern. Herrje … die drei hatten bei ihrem Familienausflug ja wirklich einen Heidenspaß!

Nun gut. Der Vater hat das Gespräch gesucht und mich ein wenig an ihrem (Spießer-)Alltag teilhaben lassen. Ich bin nicht sicher, ob ich das wirklich wollte. Denn mir steht immer noch der Mund offen, wenn ich daran zurückdenke, was er so erzählt hat. Außerdem musste ich mich total zusammenreißen, um nicht über den Affentanz in Weiß laut loszulachen. Kennt ihr das? Je mehr man das Lachen unterdrücken möchte, desto schlimmer wird es. Es tat schon fast weh. Vielleicht hat mich aber auch mein Mitleid davon abgehalten. Denn irgendwie konnten alle drei einem leidtun.

Vielleicht dann doch lieber Dreck!?
Ich gebe inhaltlich wieder: Die Beiden haben ganz bewusst die Entscheidung getroffen, erst spät ein Kind zu bekommen. Schließlich wollten beide Karriere machen. Und dann war nie der richtige Zeitpunkt da. Karrieremäßig war der auch immer noch nicht da. Aber was soll man sagen? Die biologische Uhr tickt, die Eizellen werden auch nicht mehr, also schiebt man mal zwischen Tür und Angel schnell ein Kind dazwischen. Schließlich gehört das irgendwie dazu. Nun gut … Dieses Kind sitzt nun zu Hause zwischen Designermöbeln und darf eigentlich nichts. Nicht malen, da der handgefertigte Walnussbaum-Esstisch fast 10.000 Euro gekostet hat. Nicht mit Autos auf dem Boden fahren – ihr wisst ja: das teure Parkett. Vielleicht muss er auch im Keller essen, um ja nicht mit seiner Windel den antiken Stuhl von Achtzehnhundert Tobak zu verstinken. Gut, das letzte habe ich hinzugefügt, aber ihr seht, worauf ich hinaus will? Dieses Kind feiert doch täglich zu Hause das Leben. Wenn es denn zu Hause ist. Denn den 50-Stunden Job konnten beide ja nun wirklich nicht für so ein Kind aufgeben. Nicht wahr!? Aber ich schweife ab. Ich wollte zeigen, was Kinder eben tun: Macken in Tische oder Boden hauen, die Tischplatte anmalen, mit Sandhänden die Trinkflasche öffnen, Matschlöcher graben, erforschen, ausprobieren und auf den Glasscheiben trölftausend Fingerabdrücke hinterlassen … All das hat dieses Kind noch nie gemacht! Da kommen einem die Tränen!

Reagiere ich nicht ähnlich?
Es geht mir hier nicht darum, über einen Einzelnen ein Urteil zu fällen. Denn das steht mir nicht zu. Jeder sollte so leben wie er glücklich ist und ich zweifle nicht daran, dass dieser Mann sein Bestes gibt, ein guter Vater zu sein. Was mir aber beim Nachdenken bewusst wurde ist, dass ich oft selbst ähnlich reagiere. Nicht bei unserem 10.000 Euro Tisch. Wo kämen wir denn dahin? Wie dekadent 😉 Nein … selbst wenn ich so viel Geld zur Verfügung hätte, hätte ich dafür eine bessere Verwendung. Ich bin auch davon abgekommen, mit drei kleinen Kindern weiße Designerhosen zu tragen. Die Kinder wissen die Mode einfach nicht zu schätzen. (Ich hoffe inständig, man höre den Sarkasmus.) Aber dennoch finde ich mich immer wieder in solchen Situationen wieder. Sei es die Knete, die ich so viele Jahre immer nur in meiner Anwesenheit auf einem kleinen Stück Tisch erlaubt habe oder das Ausflippen, wenn sie immer wieder vergeblich versuchen, selbst Kleber herzustellen. Aus Resten im Spitzer!! Völlig sinnfrei. Wie oft bin ich tatsächlich schon „aus der Bux gefahren“, wenn sie geschippt haben. Das mit dem Beet haben wir vorübergehend aufgegeben 😉 Das Kreidezerstückeln, um daraus neue herzustellen, die zerfetzten Schuhe nach dem Fahrradfahren, die vollkommen versauten Kleider nach dem Sportplatzbesuch, überhaupt so viele Kleider, die nie wieder fleckenfrei werden und und und … zahlreiche kleine Gründe, wegen derer ich mich schon aufgeregt habe.

Und während ich dann abends die Hauswand abspritzte, waren das die Gründe, wegen derer ich glücklich war. Dass meine Kinder so sind wie sie sind. So sein dürfen. Dass sie Kind sein dürfen.

Hier leben Kinder
Tatsächlich wurde und werde ich Stück für Stück lockerer. Auch wenn das nicht bedeutet, dass meine Kinder nicht wissen, was es heißt etwas wertzuschätzen. Klar müssen sie lernen, mit ihren und unseren Sachen ordentlich umzugehen. Aber wir sollten Prioritäten setzen. An welcher Stelle müssen wir wirklich sauer werden? Lohnt sich das echt? Ganz oft lautet die Antwort „nein“.

Bei uns zu Hause wird auf jedem Tisch mit allen Utensilien gemalt. Unser Boden ist mit zig Auto- und Legoteilen-Stolperfallen gespickt (zumindest seit der Jüngste da ist). Unser Garten ist, um es mal positiv auszudrücken, ein Naturgarten. Einer, in dem sich nicht nur unsere Kinder, sondern auch die Bienen wohlfühlen. Und unsere Haus ist oft alles andere als ein Ausstellungsstück. Nicht einmal an Weihnachten, wenn die gesamte Familie kommt, mache ich mir die Mühe, unsere Hochglanzmöbel (die wir vor unseren Kindern gekauft haben) komplett abzuwischen. Denn das ist überhaupt nicht möglich. Was ich sagen will ist: Bei uns kann jeder sehen – hier leben Kindern. Wir halten keine Kinder. Sie leben hier, spielen hier, toben jagen und streiten hier. Und sie machen Dreck und jeder kann es sehen. Und das ist gut so. Probiert es mal aus: Manchmal macht es mehr Spaß, mit ihnen Dreck zu machen. Ihn wegmachen kann man irgendwann…

Vor Kurzem habe ich eine Postkarte gesehen, die das alles kurz zusammen gefasst hat: „Und am Ende des Tages sollen deine Füße dreckig, deine Haare zerzaust und deine Augen leuchtend sein.“ Ja! Genauso wünsche ich mir meine Kinder 🙂

Seht ihr das genauso? Wie macht ihr das zu Hause? Müssen eure Kinder die Schlammklamotten im Flur ausziehen (bei uns auf jeden Fall ;)) oder stört euch das alles nicht? Dürfen die Kleinen sich so richtig dreckig machen und mit dem Bleistift kleine Löchelchen in den Holztisch drücken? Wo sind die Grenzen? Ich freue mich auf eure Kommentare!

4 Kommentare zu „Hilfe! Kinder machen Dreck

  1. Beim Lesen kam mir kurz der Gedanke (wahrscheinlich, weil ich noch nie Kinder hatte):
    Die Aufgabe von Kindern ist es nicht, die Eltern immer zufrieden lächeln zu lassen. 😉
    Die Aufgabe von Eltern ist es dagegen, Kinder glücklich zu machen.

    Liebe Grüße,
    Werner 🙂

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  2. 😂😂😂😂😂 Mann oh Mann ich muss mich erst mal vom Lachen erholen!
    JA genau so läuft es bei uns auch! Ich hab zwar nur zwei Kinder, aber auch die beiden machen ordentlich Dreck.
    „Unterm Dreck ist’s sauber!“ denk ich mir immer und lass die Kinder einfach Kinder sein. Außerdem macht Staubsaugen doppelt so viel Spaß wenn’s ordentlich rasselt beim Aufsaugen von verschiedenstem…Unrat 😉😉

    Gefällt 1 Person

    1. Genauso soll es doch sein!! Obwohl es bei uns in letzter Zeit weniger rasselt beim Staubsaugen. Seit Fritz da ist (jetzt 16 Monate alt), verschwinden die Krümel auf geheimnisvolle Art und Weise … 😀

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